OCPP-Protokoll bei Wallboxen: Was steckt dahinter?

Wallboxen 6 Min. Lesezeit 10.09.2026
OCPP steht für Open Charge Point Protocol — den offenen Kommunikationsstandard zwischen Wallbox und Lademanagementsystem. Wer mehrere Ladepunkte steuern, Ladevorgänge abrechnen oder in ein Smart-Home-System einbinden will, kommt an OCPP nicht vorbei. Dieser Artikel erklärt, was das Protokoll leistet, welche Versionen es gibt und wann es für Privatnutzer tatsächlich relevant ist.
Das Wichtigste in Kürze

Was ist OCPP und wozu dient es?

OCPP (Open Charge Point Protocol) ist ein offenes Kommunikationsprotokoll, das 1995 von der gemeinnützigen Organisation Open Charge Alliance (OCA) entwickelt wurde. Es definiert, wie eine Wallbox — in der Fachsprache „Charge Point“ — mit einem zentralen Backend-System, dem sogenannten Central System (CS), kommuniziert. Vereinfacht gesagt: OCPP ist die gemeinsame Sprache zwischen Ladestation und Verwaltungssoftware.

Ohne OCPP ist jede Wallbox eine Insel. Mit OCPP lässt sich die Ladestation fernüberwachen, steuern, sperren, freischalten und abrechnen — unabhängig davon, welcher Hersteller die Hardware gebaut hat. Das ist der entscheidende Vorteil gegenüber proprietären Protokollen: Die Software eines Anbieters funktioniert mit der Hardware eines anderen.

OCPP 1.6 vs. OCPP 2.0.1 — die wichtigsten Unterschiede

Heute sind zwei Versionen im Einsatz, die sich in Funktionsumfang und Komplexität erheblich unterscheiden.

MerkmalOCPP 1.6OCPP 2.0.1
Veröffentlicht20152020
TransportprotokollWebSocket (JSON oder SOAP)WebSocket (JSON)
SicherheitBasis-TLSErweitertes Security-Profil, zertifikatsbasierte Authentifizierung
Smart ChargingGrundfunktionen (Profile)Erweiterte Ladeprofile, ISO 15118 vorbereitet
Plug & ChargeNicht vorgesehenVorbereitet (via ISO 15118)
GeräteverwaltungEingeschränktUmfangreich (Device Management)
MarktverbreitungSehr hochWächst, noch nicht flächendeckend

Für die meisten Anwendungsfälle im Halb-öffentlichen und privaten Bereich ist OCPP 1.6 noch der de-facto-Standard. OCPP 2.0.1 gewinnt bei Neuinstallationen und im Flottenbereich an Bedeutung, weil es deutlich robustere Sicherheitsmechanismen und feinere Ladesteuerung bietet.

Wie funktioniert die Kommunikation technisch?

Die Wallbox baut eine dauerhafte WebSocket-Verbindung zu einem Backend-Server auf. Dieser Server — das Central System — kann bei einem Anbieter wie Chargepoint, has·to·be oder einem selbst gehosteten System wie EVBox liegen. Die Verbindung läuft verschlüsselt über TLS, ähnlich wie HTTPS beim Webbrowser.

Sobald ein Fahrer sein Fahrzeug einsteckt, sendet die Wallbox eine StatusNotification an das Backend. Das Backend antwortet mit einer Autorisierungsanfrage-Prüfung: Darf dieser RFID-Chip oder dieser Nutzer laden? Bei Freigabe startet der Ladevorgang, die Wallbox sendet in konfigurierbaren Intervallen MeterValues — also Messwerte wie Leistung in Kilowatt und übertragene Energie in Kilowattstunden. Am Ende kommt eine StopTransaction-Nachricht mit den Abrechnungsdaten.

Dieses Nachrichtenformat ist für alle OCPP-kompatiblen Systeme identisch — das ist die Kernidee des offenen Standards.

Smart Charging: Lastmanagement über OCPP

Eine der wichtigsten Funktionen in OCPP ist Smart Charging. Dabei sendet das Backend sogenannte Charging Profiles an die Wallbox — Zeitpläne, die festlegen, wie viel Strom die Ladestation zu welchem Zeitpunkt maximal ziehen darf.

Praxisbeispiel: Ein Hausbesitzer hat einen 25-Ampere-Netzanschluss. Wallbox, Herd und Waschmaschine laufen gleichzeitig. Ein Energiemanagementsystem erkennt die Gesamtlast und sendet über OCPP einen neuen Charging Profile an die Wallbox: Statt 11 kW (16 A) darf sie nur noch 4,6 kW (6,6 A) laden. Sobald die anderen Verbraucher abschalten, erhöht das System das Limit wieder automatisch.

Ohne OCPP ist dieses dynamische Lastmanagement mit herstellerübergreifenden Systemen nicht möglich. Proprietäre Lösungen funktionieren oft nur innerhalb des eigenen Ökosystems.

Wann ist OCPP für Privatnutzer relevant?

Für einen Einfamilienhaus-Bewohner mit einer einzelnen Wallbox und keiner Abrechnungspflicht ist OCPP häufig nicht notwendig. Eine einfache Wallbox mit App-Steuerung über WLAN oder Bluetooth reicht in diesem Fall aus.

OCPP wird relevant, sobald mindestens eine der folgenden Bedingungen zutrifft:

  • Mehrere Ladepunkte im Haushalt oder auf dem Grundstück, die koordiniert werden sollen
  • Abrechnung gegenüber Dritten — etwa Arbeitgebern (Dienstwagen-Laden zuhause) oder Mietern in einer Eigentümergemeinschaft
  • Einbindung in ein Energiemanagementsystem (EMS) eines Drittanbieters, das Wallbox, Photovoltaikanlage und Heimspeicher koordiniert
  • Öffentlich zugängliche Ladepunkte auf Firmenparkplätzen oder in Tiefgaragen mit Zugangskontrolle
  • Förderprogramme, die OCPP-Fähigkeit als Bedingung vorschreiben — etwa Programme der KfW oder einzelner Bundesländer

Besonders der letzte Punkt ist praktisch relevant: Die KfW-Förderung für gewerbliche Ladeinfrastruktur (Programm 442) schreibt OCPP 1.6 oder höher als technische Mindestanforderung vor.

Welche Wallboxen unterstützen OCPP?

OCPP ist keine Selbstverständlichkeit im Heimbereich. Einsteigergeräte bis ca. 400 € verzichten häufig auf das Protokoll oder implementieren es nur unvollständig. Ab der Mittelklasse (ca. 600-1.000 €) ist OCPP 1.6 verbreitet, OCPP 2.0.1 findet sich vorwiegend bei Geräten ab ca. 800 € aufwärts und bei Business-Lösungen.

Bei der Auswahl sind drei Fragen entscheidend:

  1. Unterstützt die Wallbox OCPP 1.6 oder 2.0.1 — und in welchem Funktionsumfang (Basis-Profil, Smart Charging, Firmware-Update over-the-air)?
  2. Mit welchen Backends ist sie zertifiziert oder getestet? OCPP-Kompatibilität auf dem Papier bedeutet nicht immer reibungslose Interoperabilität in der Praxis.
  3. Ist die Backend-Nutzung kostenlos oder fallen monatliche SaaS-Gebühren an? Einige Hersteller bieten die Hardware günstig an, verlangen aber ab dem zweiten Jahr Abo-Gebühren zwischen 5 € und 30 € pro Monat.

OCPP und Interoperabilität in der Praxis

OCPP ist ein offener Standard — das bedeutet jedoch nicht, dass jede Implementierung identisch ist. Hersteller interpretieren einzelne Nachrichtenfelder unterschiedlich, manche Features sind optional und werden nicht von allen Backends unterstützt. Die Open Charge Alliance vergibt zwar Zertifizierungen, eine Pflicht zur Zertifizierung besteht aber nicht.

Wer OCPP-Kompatibilität ernsthaft benötigt, sollte vor dem Kauf prüfen, ob Wallbox und Backend-System in Kombination bereits getestet sind. Viele Backend-Anbieter pflegen öffentliche Kompatibilitätslisten. Alternativ bieten Open-Source-Backends wie Steve (Simple Testing Environment) die Möglichkeit, eine Wallbox vor der Kaufentscheidung zu testen.

Entscheidungshilfe: Brauchen Sie OCPP?

Prüfen Sie diese drei Punkte, bevor Sie sich für eine Wallbox entscheiden:

  • Laden nur Sie mit einem Fahrzeug zuhause, ohne Abrechnungspflicht und ohne PV-Integration: OCPP ist verzichtbar. Eine Wallbox mit App und Zeitplanung reicht.
  • Laden Sie zuhause, wollen aber PV-Überschussladen mit einem unabhängigen EMS kombinieren: Achten Sie auf OCPP 1.6 mit Smart-Charging-Profil — das öffnet die Wallbox für Drittanbieter-Systeme.
  • Verwalten Sie mehrere Ladepunkte, rechnen Sie gegenüber Dritten ab oder wollen Fördergelder beantragen: OCPP 1.6 oder 2.0.1 ist Pflicht. Klären Sie vor dem Kauf, welches Backend Sie nutzen und ob die Wallbox damit zertifiziert ist.

Häufige Fragen

Ja. Ohne aktive Backend-Verbindung laden die meisten OCPP-fähigen Wallboxen im sogenannten Offline-Modus weiter — entweder frei zugänglich oder mit lokal gespeicherten RFID-Karten. Die erweiterten Funktionen wie Lastmanagement, Fernsteuerung und Abrechnung entfallen aber, solange keine Backend-Verbindung besteht.

Nein. OCPP regelt die Kommunikation zwischen Wallbox und Backend. OCPI (Open Charge Point Interface) und OCHP (Open Clearing House Protocol) sind Protokolle zwischen verschiedenen Backend-Systemen — etwa zwischen dem Netz eines Ladenetzbetreibers und dem eines Roaming-Partners. Für Privatnutzer ist nur OCPP direkt relevant.

Das hängt vom Anbieter ab. Manche Wallbox-Hersteller bieten ein kostenloses Cloud-Backend für Privatnutzer, verlangen aber ab einer bestimmten Anzahl an Ladepunkten oder nach einer Testphase monatliche Gebühren zwischen 5 € und 30 €. Open-Source-Backends wie Steve lassen sich selbst hosten und sind kostenlos, erfordern aber technisches Know-how.

Nein. Günstige Einsteigergeräte unter 400 € verzichten oft auf OCPP oder implementieren es unvollständig. OCPP 1.6 ist ab der Mittelklasse (ca. 600 € aufwärts) verbreitet. Vor dem Kauf sollten Sie im Datenblatt gezielt nach „OCPP 1.6“ oder „OCPP 2.0.1“ und dem jeweiligen Funktionsumfang (insbesondere Smart Charging) suchen.

Nur wenn die Hardware-Komponenten — insbesondere der Kommunikationsprozessor — OCPP unterstützen. Fehlt die technische Grundlage, hilft kein Firmware-Update. Fragen Sie beim Hersteller an oder prüfen Sie das Datenblatt des Modells, das Sie bereits besitzen.