Wallbox mit evcc steuern

Ratgeber 6 Min. Lesezeit 10.09.2026
evcc verwandelt eine Standard-Wallbox in ein solar­gesteuertes Ladesystem — ohne teure Smart-Wallbox. Wer einen PV-Überschuss hat, lädt damit kostenlos. Voraussetzung: die Wallbox kommuniziert mit evcc, und der Zähler liefert Echtzeit-Messwerte.
Das Wichtigste in Kürze

Was evcc macht und warum die Wallbox-Wahl entscheidend ist

evcc ist eine Open-Source-Software, die Wallbox, Wechselrichter, Hausbatterie und Stromzähler zusammenführt. Sie regelt den Ladestrom sekundengenau nach PV-Überschuss — entweder im Modus „Nur Solarstrom“, „Mindest-SoC“ oder „Schnellladen“. Die Steuerung läuft auf einem kleinen Heimserver (Raspberry Pi, NUC, Synology NAS).

Der kritische Punkt: evcc braucht eine steuerbare Wallbox. Das bedeutet, die Box muss ihren Ladestrom dynamisch zwischen 6 A und ihrem Maximum (meist 16 A oder 32 A) verändern. Boxen, die nur Ein/Aus kennen, kann evcc nur schalten — nicht modulieren. Das reicht für einfachen PV-Überschuss­betrieb, ist aber weniger präzise.

Kompatible Wallboxen: drei Kommunikationswege

evcc unterstützt über 200 Geräte. Intern unterscheidet das Projekt drei Integrationstypen:

  • Modbus TCP/RTU: direkter Zugriff auf Register, keine Cloud, sehr stabil. Typische Vertreter: Heidelberg Energy Control, Phoenix Contact, ABB Terra.
  • Herstellerprotokoll über LAN/WLAN: proprietär, aber lokal. Beispiele: go-e Charger, Easee, Webasto.
  • OCPP 1.6J: offenes Protokoll, evcc kann als Backend dienen. Breite Kompatibilität, aber Konfiguration aufwändiger.

Boxen ohne Netzwerk­schnittstelle — etwa einfache Schuko-Wallboxen — kann evcc nur über eine schaltbare Steckdose (Shelly, Tasmota) ein- und ausschalten. Ladestromregelung ist dann nicht möglich.

Strommessung: ohne Echtzeit-Zähler läuft nichts

evcc benötigt den Hausverbrauch in Echtzeit, mindestens im 1-Sekunden-Takt. Quellen dafür:

  • Smartmeter-Gateway (Modbus, SML via Lesekopf)
  • Wechselrichter mit integrierter Messung (SMA, Fronius, Huawei, Kostal u. a.)
  • Energiemessgeräte: Shelly 3EM, Eastron SDM630, Victron Energy Meter

Der verbreitete eHZ-Zähler (Ferraris-Nachfolger) liefert per PIN-Freischaltung und IR-Lesekopf SML-Telegramme alle 1–2 Sekunden — das reicht. Ohne belastbare Messung übersteuert evcc und zieht Netz­strom, ohne es zu merken.

Bordlader im Fahrzeug bestimmt die echte Ladeleistung

Eine 11-kW-Wallbox lädt nur dann mit 11 kW, wenn das Fahrzeug einen dreiphasigen Bordlader mit mindestens 11 kW hat. Viele Fahrzeuge begrenzen auf 7,4 kW (einphasig 32 A) oder 3,7 kW (einphasig 16 A). evcc zeigt die tatsächlich fließende Leistung an — der Wert im Display ist die Realität, nicht die Wallbox-Spezifikation.

Für die PV-Überschuss­regelung ist das relevant: Bei einem einphasig ladenden Fahrzeug ist die Mindest-Ladeleistung 1,4 kW (6 A × 230 V × 1 Phase). Dreiphasig sind es 4,1 kW (6 A × 230 V × 3 Phasen). Wer eine 5-kWp-Anlage hat und ein einphasig ladendes Fahrzeug, kommt häufiger in den Überschuss-Modus als jemand mit dreiphasigem Lader.

evcc installieren: Schritt-für-Schritt-Prüfliste

  1. Hardware prüfen: Raspberry Pi 4 (2 GB RAM reichen), alternativ x86-Rechner mit Docker.
  2. Wallbox-Kompatibilität bestätigen: evcc-Dokumentation unter docs.evcc.io/devices/chargers abgleichen — jede Box ist dort mit Kommunikationsweg und Einschränkungen gelistet.
  3. Netzwerk klären: Wallbox, Wechselrichter und evcc-Server müssen im selben lokalen Netz erreichbar sein. VLAN-Trennung kann blockieren.
  4. Strommessung einrichten: Lesekopf am Zähler montieren, SML-Telegramm testen (z. B. mit sml_iskra-Tool), bevor evcc konfiguriert wird.
  5. evcc.yaml erstellen: Die YAML-Konfiguration definiert Zähler, Wechselrichter, Wallbox und Fahrzeuge. Fehler hier blockieren den Start — YAML-Syntax mit einem Validator prüfen.
  6. Testlauf ohne Fahrzeug: evcc starten, Weboberfläche auf Port 7070 aufrufen, Messwerte 10 Minuten beobachten. Erst danach Fahrzeug anschließen.
  7. Lademodi verstehen: „Now“ lädt mit Maximalstrom, „Min+PV“ hält 6 A Mindestladen und addiert Überschuss, „PV“ lädt nur bei positivem Saldo.

Was evcc nicht löst

evcc steuert den Ladestrom — es ist kein Lastmanagement im Sinne der VDE-AR-N 4100. Wenn mehrere Wallboxen gleichzeitig laufen und der Hausanschluss (meist 25–63 A) überlastet werden könnte, brauchen Sie ein separates dynamisches Lastmanagement oder eine Wallbox mit integriertem Lastmanagement (z. B. Heidelberg Energy Control im Verbund).

evcc sieht auch nicht, ob der Netzbetreiber eine Steuer­barkeits­pflicht nach § 14a EnWG erfordert. Seit 2024 müssen steuerbare Verbraucher über 4,2 kW gemeldet werden. Die Wallbox bleibt meldepflichtig, unabhängig davon, ob evcc sie steuert. Fragen zur Anmeldung beim Netzbetreiber gehören in die Rechtsrubrik dieses Portals — dort finden Sie die geltenden Fristen und Formulare.

Typische Fehler und wie Sie sie vermeiden

Falsche Phasenzuordnung: Wenn der Zähler Phase L1 misst, die Wallbox aber auf L2/L3 liegt, rechnet evcc falsch. Alle Verbraucher und Erzeuger müssen auf denselben Messpunkt referenzieren.

Zu langsames Polling: Einige Modbus-Geräte reagieren bei Polling-Intervallen unter 1 Sekunde mit Timeouts. evcc-Standard ist 30 Sekunden für viele Geräte — für Überschuss­regelung besser auf 5 Sekunden setzen, sofern das Gerät es unterstützt.

Fahrzeug-API als Flaschenhals: evcc kann bei einigen Fahrzeugen den Ladestand (SoC) direkt abfragen — über Hersteller-APIs (Tesla, Volkswagen ID, Mercedes). Diese APIs haben Rate-Limits von 1–2 Abfragen pro Minute und können bei Änderungen der Hersteller ohne Vorwarnung wegfallen. Wer SoC-basierte Laderegeln nutzen will, sollte prüfen, ob sein Fahrzeug eine lokale OCPP- oder ISO 15118-Schnittstelle hat.

Entscheidungshilfe: lohnt sich evcc für Ihren Fall

evcc lohnt sich, wenn Sie eine PV-Anlage ab etwa 5 kWp haben, das Fahrzeug regelmäßig tagsüber steht und Sie bereit sind, 2–4 Stunden Einrichtungszeit zu investieren. Eine kompatible Wallbox kostet zwischen 400 und 900 € — deutlich weniger als proprietäre Solar-Ladesysteme mit Herstellerbindung.

Wer keine PV-Anlage hat, kann evcc trotzdem für Zeitsteuerung und Kostenoptimierung (dynamischer Stromtarif, z. B. Tibber oder aWATTar) nutzen. Dafür reicht ein einfaches Stromzähler-Interface — die Wallbox-Steuerung funktioniert unabhängig von Solarstrom.

Häufige Fragen

evcc unterstützt über 200 Modelle. Die vollständige Liste steht unter docs.evcc.io/devices/chargers. Entscheidend ist, ob die Box den Ladestrom dynamisch zwischen 6 A und Maximum regeln kann — reine Ein/Aus-Boxen kann evcc nur schalten, nicht modulieren.

Nein. evcc funktioniert auch ohne PV für Zeitsteuerung und dynamische Stromtarife (Tibber, aWATTar). Dann reicht ein einfacher Netzstromzähler als Messquelle — der PV-Wechselrichter ist kein Pflichtbestandteil.

Ja. Die Meldepflicht nach § 14a EnWG gilt für steuerbare Verbrauchseinrichtungen über 4,2 kW unabhängig von der verwendeten Software. evcc ändert daran nichts. Details zu Fristen und Formularen finden Sie in der Rechtsrubrik dieses Portals.

Ein Raspberry Pi 4 mit 2 GB RAM reicht für die meisten Setups. Alternativ läuft evcc als Docker-Container auf jedem x86-Linux-System oder einer Synology NAS. Der Stromverbrauch des Servers liegt bei 3–8 W — das fällt bei der Jahresbilanz kaum ins Gewicht.

evcc passt den Ladestrom in 1-A-Schritten an — bei 230 V entspricht das 230 W pro Phase. Die Reaktionszeit hängt vom Polling-Intervall ab: 5 Sekunden sind ein guter Kompromiss zwischen Regelgenauigkeit und Geräte-Stabilität. Perfekte Echtzeitregelung wie ein Wechselrichter-integriertes System erreicht evcc nicht, der Unterschied im Jahres-Solarertrag ist aber gering.