Das Wichtigste in Kürze
Das Grundproblem: Hausanschluss als Engpass
Ein typischer Hausanschluss liefert in Deutschland 40 A Absicherung, was bei 3-phasigem Drehstrom rund 27,6 kW Maximalleistung ergibt. Eine einzelne 11 kW-Wallbox zieht davon bereits 16 A. Schalten Sie zwei Wallboxen ohne Steuerung parallel, addieren sich die Ladeströme — Waschmaschine, Herd und Warmwasserboiler kommen noch obendrauf. Das Ergebnis ist im besten Fall ein ausgelöster FI-Schalter, im schlechtesten ein thermisch überlastetes Kabel.
Bevor Sie entscheiden, welches Ladekonzept passt, müssen zwei Fragen geklärt sein: Wie groß ist der tatsächlich freie Anschlussreserve Ihres Gebäudes, und zu welchen Zeiten laden beide Fahrzeuge gleichzeitig?
Option 1: Zwei ungesteuerte Wallboxen mit reduzierter Leistung
Die einfachste Lösung ist die Installation von zwei separaten Wallboxen, deren Ladestrom per Konfiguration fest auf einen niedrigeren Wert begrenzt wird — etwa je 8 A (1,8 kW) oder 10 A (2,3 kW) einphasig. Beide Fahrzeuge laden langsam, aber sicher, ohne den Hausanschluss zu überlasten.
Vorteil: Keine zusätzliche Software, keine Vernetzung, günstiger Installationsaufwand.
Nachteil: Ein mittelgroßes Elektroauto mit 60 kWh-Akku braucht bei 1,8 kW rund 33 Stunden für eine Vollladung. Das funktioniert nur, wenn Fahrzeuge täglich wenig Strom verbrauchen und lange genug am Anschluss hängen.
Diese Lösung eignet sich für Pendler mit kurzen Tagesstrecken unter 50 km, wenn beide Autos die meiste Zeit zuhause stehen.
Option 2: Statisches Lastmanagement — eine Zentralsteuerung, zwei Wallboxen
Beim statischen Lastmanagement kommunizieren beide Wallboxen über ein gemeinsames System miteinander. Der Anwender definiert einen festen Maximalwert — zum Beispiel 16 A für beide Ladepunkte zusammen. Das System verteilt dieses Budget automatisch: Lädt nur Fahrzeug 1, bekommt es die vollen 16 A. Steckt Fahrzeug 2 dazu, teilt das System auf — etwa je 8 A.
Die Kommunikation zwischen den Wallboxen läuft heute überwiegend über OCPP 1.6 (Open Charge Point Protocol) oder proprietäre Hersteller-Protokolle. Achten Sie beim Kauf darauf, dass beide Geräte kompatibel sind oder über dasselbe Backend-System laufen.
Mehrkosten gegenüber zwei einfachen Wallboxen: 200–500 € für Lastmanagement-fähige Modelle plus Netzwerkverdrahtung oder WLAN-Anbindung.
Option 3: Dynamisches Lastmanagement — der Hausverbrauch fließt mit ein
Das dynamische Lastmanagement misst den gesamten Hausverbrauch in Echtzeit über einen Energiezähler im Unterverteiler und passt die Ladeleistung beider Wallboxen sekundengenau an. Kocht jemand mit dem Induktionsherd (3,5 kW), drosseln die Wallboxen sofort; schaltet die Wärmepumpe ab, erhalten die Autos wieder mehr Leistung.
Dieses Konzept maximiert die Ladeleistung unter realen Bedingungen, ohne den Hausanschluss je zu überschreiten. In der Praxis laden Fahrzeuge damit im Durchschnitt 20–35 % schneller als bei statisch stark gedrosseltem Betrieb.
Voraussetzung ist ein kompatibler Energiezähler (oft ein Modbus-RTU-fähiges Gerät) und eine Wallbox, die externe Steuersignale verarbeiten kann. Die Installationskosten liegen 500–1.200 € höher als bei zwei einfachen Wallboxen — inklusive Zähler, Steuereinheit und Inbetriebnahme durch den Elektriker.
Option 4: Photovoltaik-Integration und solargesteuertes Laden
Wer eine PV-Anlage betreibt, kann das dynamische Lastmanagement um solargesteuertes Laden erweitern. Die Wallboxen laden bevorzugt dann, wenn die Anlage Überschussstrom produziert — in der Praxis zwischen 10 und 16 Uhr in sonnenreichen Monaten.
Damit das funktioniert, muss die PV-Anlage mit dem Lastmanagementsystem kommunizieren — entweder über den Wechselrichter direkt oder über ein Energy-Management-System (EMS) wie SMA Sunny Home Manager oder Fronius Wattpilot-ökosysteme. Die Mindest-Ladeleistung für ein stabiles Laden liegt bei 1,4 kW (6 A, einphasig) — darunter stoppen viele Fahrzeuge die Ladung.
Für Haushalte mit zwei Fahrzeugen und PV ist die Kombination aus dynamischem Lastmanagement und Solarpriorisierung die wirtschaftlich sinnvollste Lösung, wenn der Eigenverbrauch erhöht werden soll.
Vergleich der vier Konzepte
| Konzept | Ladeleistung je Fahrzeug | Mehrkosten Installation | Sinnvoll wenn |
|---|---|---|---|
| Zwei gedrosselte Wallboxen | 1,8–2,3 kW | 0–150 € | Kurze Tagesstrecken, viel Standzeit |
| Statisches Lastmanagement | bis 7–8 kW geteilt | 200–500 € | Stabiler Hausverbrauch, kein PV |
| Dynamisches Lastmanagement | bis 11 kW variabel | 500–1.200 € | Schwankender Hausverbrauch, 2+ Autos |
| PV-Integration + Lastmanagement | bis 11 kW, solargesteuert | 800–1.800 € | PV vorhanden, Eigenverbrauch optimieren |
Was der Elektriker prüfen muss — Pflichtschritte vor der Installation
Kein Ladekonzept funktioniert ohne eine belastbare Bestandsaufnahme der Hausinstallation. Folgende Punkte muss ein zugelassener Elektrofachbetrieb klären:
- Freie Anschlussreserve: Wie viel Kapazität stellt der Netzbetreiber tatsächlich zur Verfügung, und ist eine Erhöhung der Hauptsicherung (von 40 auf 63 A) möglich?
- Zuleitungsquerschnitt: Die Hausanschlussleitung muss den zusätzlichen Dauerstrom thermisch verkraften — bei 2 × 11 kW mindestens 10 mm² Kupfer auf der Zuleitung zum Unterverteiler.
- FI-Schutzschalter: Wallboxen nach EN 61851 erfordern Typ-B-FI oder Typ-A-FI mit DC-Fehlerstromerkennung — pro Ladepunkt.
- Anmeldepflicht: Wallboxen über 3,7 kW sind in Deutschland beim Netzbetreiber anmeldepflichtig; ab 11 kW ist häufig eine Steuerbarkeit nach §14a EnWG Pflicht.
Empfehlung je nach Haushaltssituation
Für einen Haushalt mit zwei Pendler-Fahrzeugen, je 30–60 km Tagesfahrleistung, ohne PV: Das dynamische Lastmanagement mit zwei 11 kW-Wallboxen ist die zukunftssicherste Lösung. Die Mehrkosten von rund 800 € gegenüber zwei einfachen Geräten amortisieren sich durch schnellere Ladezeiten und vermiedene Netzausbaukosten beim Netzbetreiber.
Für ein Ferienhaus oder eine Garage mit niedrigem täglichem Ladebedarf reichen zwei fest gedrosselte Wallboxen mit je 8 A — das spart Installationskosten und Komplexität.
Plant der Haushalt in den nächsten drei Jahren ein drittes Fahrzeug oder eine PV-Anlage, lohnt es sich, bereits jetzt eine Lastmanagement-fähige Hardware zu kaufen und das System später zu erweitern, statt alles auszutauschen.