ISO 15118 und Plug & Charge: Die Zukunft der Wallbox-Kommunikation

Wallboxen 6 Min. Lesezeit 10.09.2026
Wer sein Elektroauto laden will, steckt den Stecker ein – und bezahlt automatisch, ohne App oder RFID-Karte. Das ermöglicht ISO 15118 mit der Funktion Plug & Charge. Welche Wallboxen den Standard bereits unterstützen und was Sie beim Kauf beachten müssen, lesen Sie hier.
Das Wichtigste in Kürze

Was ist ISO 15118 – und warum ist der Standard wichtig?

ISO 15118 ist eine internationale Norm, die die Kommunikation zwischen Elektrofahrzeug und Ladestation auf Protokollebene regelt. Der vollständige Name lautet „Road vehicles – Vehicle to grid communication interface“. Die Norm definiert, wie Fahrzeug und Wallbox Daten austauschen: über den Steuerleiter (CP-Leiter) im Ladekabel bei AC-Laden sowie über den Powerline-Communication-Chip (PLC) bei DC-Schnellladung via CCS-Stecker.

Bisher kommunizieren die meisten Ladesysteme über das ältere Protokoll IEC 61851. Es überträgt nur Basisinformationen: maximaler Ladestrom und Verbindungsstatus. ISO 15118 erweitert dies um verschlüsselte, bidirektionale Datenpakete – darunter Fahrzeugidentifikation, Ladezustand, Energiemanagement und künftig auch Vehicle-to-Grid (V2G), also die Rückspeisung ins Netz.

Plug & Charge: So funktioniert die automatische Authentifizierung

Plug & Charge ist die bekannteste Funktion unter ISO 15118. Das Prinzip: Das Elektrofahrzeug trägt ein digitales Zertifikat – vergleichbar mit einem TLS-Zertifikat bei Webseiten. Stecken Sie den Ladestecker ein, tauschen Fahrzeug und Wallbox innerhalb von Sekunden diese Zertifikate aus und authentifizieren sich gegenseitig. Der Ladevorgang startet ohne weitere Nutzeraktion.

Die Zertifikatskette läuft über mehrere Ebenen:

  1. Root-Zertifikat des Fahrzeugherstellers (OEM)
  2. Sub-CA-Zertifikat des Charge Point Operators (CPO) oder Mobility Service Providers (MSP)
  3. Leaf-Zertifikat im Fahrzeug, regelmäßig erneuert (Over-the-Air)

Für den Nutzer bedeutet das: kein Suchen der RFID-Karte, kein App-Login, kein Scan von QR-Codes. Die Abrechnung erfolgt direkt über den vertraglich hinterlegten MSP – etwa denselben Anbieter, über den Sie Ihr Fahrzeug registriert haben.

Welche Fahrzeuge und Wallboxen unterstützen den Standard bereits?

Der Rollout verläuft schrittweise. Auf Fahrzeugseite unterstützen seit 2023/2024 unter anderem Modelle von Porsche (Taycan ab Modelljahr 2020), BMW (iX, i4, i5), Ford (Mustang Mach-E), Hyundai/Kia (Ioniq 6, EV6) und Mercedes (EQS, EQE) die Funktion – allerdings nur an kompatiblen Ladeinfrastrukturen.

Auf Wallbox-Seite ist die Lage differenzierter. Viele Geräte der gehobenen Preisklasse haben die Hardware (PLC-Chip) verbaut, aktivieren ISO 15118 jedoch per Firmware-Update erst schrittweise. Wallboxen, die Plug & Charge im Heimbereich unterstützen oder vorbereitet sind:

  • ABB Terra AC wallbox (ISO 15118 vorbereitet)
  • Siemens VersiCharge AC (ISO 15118 fähig)
  • KEBA KeContact P30 x-series (ISO 15118 per Update)
  • Webasto Next (ISO 15118 vorbereitet)

Wichtig: Im privaten Heimnetz spielt Plug & Charge eine geringere Rolle als im öffentlichen Netz, weil Sie zu Hause ohnehin keinen fremden Nutzer authentifizieren müssen. Der Standard entfaltet seinen größten Nutzen an Schnellladeparks und Unternehmens-Flotten.

ISO 15118-20: Was bringt die aktuelle Revision?

Die erste verabschiedete Fassung ISO 15118-1 bis -3 stammt aus den Jahren 2013–2015 und adressiert AC- und DC-Laden. Die Revision ISO 15118-20 (veröffentlicht 2022) erweitert den Standard um drei wesentliche Punkte:

  • Bidirektionales Laden (V2G/V2H): Das Fahrzeug kann Strom ins Netz oder ins Haushaltnetz zurückspeisen. Die Kommunikation für Leistungsregelung und Abrechnung ist normiert.
  • Wireless Charging (WPT): ISO 15118-20 schafft die Protokollbasis für induktives Laden, sobald Hardware und Infrastruktur verfügbar sind.
  • Automatisiertes Laden: Für autonome Fahrzeuge ohne Fahrereingriff definiert die Norm den vollautomatischen Verbindungsaufbau inklusive Authentifizierung.

In der Praxis ist ISO 15118-20 noch kaum im Einsatz. Die meisten Fahrzeuge und Infrastrukturen implementieren derzeit ISO 15118-2, also die DC-CCS-Variante für Schnellladung.

Sicherheit: Wie sicher ist die automatische Authentifizierung?

Plug & Charge nutzt TLS 1.2 oder höher mit gegenseitiger Zertifikatsauthentifizierung (mutual TLS). Die Zertifikate werden vom Fahrzeughersteller ausgestellt und sind an die Fahrzeugidentifikationsnummer (VIN) gebunden. Ein Angreifer bräuchte sowohl physischen Zugriff auf den CP-Leiter als auch das private Schlüsselmaterial – das liegt in einem Secure Element im Fahrzeugsteuergerät.

Ein realistisches Restrisiko besteht bei der Zertifikatsverwaltung: Läuft ein Leaf-Zertifikat ab und das Fahrzeug erhält kein Over-the-Air-Update (etwa wegen fehlender Konnektivität), fällt die Wallbox auf IEC 61851 zurück. Der Ladevorgang funktioniert dann weiterhin, aber ohne Plug & Charge.

Smart Charging und Lastmanagement mit ISO 15118

Neben der Authentifizierung ermöglicht ISO 15118 auch intelligentes Lademanagement. Die Wallbox kann dem Fahrzeug ein Ladeprofil übermitteln: zu welchen Uhrzeiten wie viel Leistung zur Verfügung steht. Das Fahrzeug antwortet mit seinen Präferenzen – etwa „Vollladung bis 07:00 Uhr“. Daraus entsteht ein abgestimmter Ladeplan.

Für Haushalte mit Photovoltaikanlage ist das relevant: Ein ISO 15118-fähiges Energiemanagementsystem (HEMS) kann überschüssigen Solarstrom priorisiert ins Fahrzeug leiten, ohne dass der Nutzer manuell eingreifen muss. Die Kommunikation zwischen HEMS, Wallbox und Fahrzeug läuft vollständig automatisiert über das Protokoll.

Kaufentscheidung: Wann lohnt ISO 15118 für Ihre Wallbox?

Für die meisten Heimanwender ist ISO 15118 heute noch kein Muss-Kriterium. Wer jedoch eines der folgenden Szenarien plant, sollte gezielt auf ISO 15118-Kompatibilität achten:

  • Sie betreiben eine PV-Anlage und wollen automatisiertes Solar-Laden einrichten.
  • Sie kaufen ein Fahrzeug mit V2H-Funktion und planen Rückspeisung ins Hausnetz.
  • Sie verwalten mehrere Ladepunkte in einer Tiefgarage oder Flotte.
  • Sie wollen in den nächsten fünf bis acht Jahren investitionssicher kaufen.

Wallboxen ohne PLC-Chip lassen sich nachträglich nicht auf ISO 15118 aufrüsten – die Hardware fehlt. Achten Sie beim Kauf explizit auf die Angabe „ISO 15118-2 kompatibel“ oder „PLC-fähig“ im Datenblatt, nicht nur auf Marketing-Begriffe wie „Smart Charging ready“.

Häufige Fragen

Für einfaches Laden zu Hause reicht IEC 61851 aus – Authentifizierung ist im Eigenheim nicht erforderlich. ISO 15118 lohnt sich, wenn Sie Solar-Überschussladen automatisieren wollen, ein V2H-fähiges Fahrzeug besitzen oder zukunftssicher investieren möchten. Da Hardware-Nachrüstung nicht möglich ist, empfiehlt sich bei Neuinstallation eine PLC-fähige Wallbox.

Ja – und dort ist der Nutzen am größten. An CCS-Schnellladern mit ISO 15118-2-Unterstützung identifiziert sich das Fahrzeug automatisch und die Abrechnung läuft über den hinterlegten Vertrag. Voraussetzung: Fahrzeug und Ladestation müssen beide ISO 15118-2 implementieren und im selben Zertifikatsökosystem registriert sein.

Die Wallbox fällt automatisch auf IEC 61851 zurück – der Ladevorgang startet weiterhin, aber ohne automatische Authentifizierung. Fahrzeuge mit mobilem Internetzugang erneuern das Leaf-Zertifikat per Over-the-Air-Update, bevor es abläuft. Die Gültigkeitsdauer liegt typischerweise bei 90 Tagen.

ISO 15118-20 (2022) normiert die Protokollkommunikation für Vehicle-to-Grid (V2G) und Vehicle-to-Home (V2H). In der Praxis sind V2G-fähige Wallboxen und Fahrzeuge 2024 noch selten – Nissan Leaf und einige Hyundai-Modelle mit CHAdeMO oder CCS-V2G sind Ausnahmen. Der Massenmarkt für bidirektionales Laden steht noch am Anfang.

Das Datenblatt muss explizit „ISO 15118-2“ oder „ISO 15118-3“ ausweisen. Begriffe wie „Smart Charging“ oder „OCPP-fähig“ sind kein Ersatz – OCPP regelt die Kommunikation zur Backend-Software, nicht die Fahrzeug-Wallbox-Schnittstelle. Fragen Sie im Zweifelsfall den Hersteller nach dem verbauten PLC-Chip-Modell.