Das Wichtigste in Kürze
Was OCPP konkret leistet
OCPP regelt, wie eine Wallbox mit einem Backend-Server kommuniziert: Ladevorgänge starten und stoppen, Messdaten übertragen, Firmware-Updates einspielen, Fehlermeldungen melden. Das Protokoll wurde von der Open Charge Alliance (OCA) entwickelt und ist heute der De-facto-Standard im europäischen Ladeinfrastrukturmarkt.
Die aktuelle Produktivversion ist OCPP 1.6 (JSON/SOAP über WebSocket). Sie deckt alle Grundfunktionen ab: Autorisierung per RFID, Transaktionsmanagement, Smart Charging über das Profil SmartChargingProfile. Die Nachfolgeversion OCPP 2.0.1 ergänzt bidirektionales Laden (V2G), erweiterte Sicherheitsmechanismen und Plug & Charge nach ISO 15118. Für Privathaushalte ist OCPP 1.6 derzeit ausreichend; Gewerbeinstallationen mit mehr als fünf Ladepunkten sollten 2.0.1 einplanen.
Warum Herstellerprotokolle ein Problem sind
Viele günstige Wallboxen kommunizieren ausschließlich über proprietäre Cloud-APIs. Das bedeutet: Die Box funktioniert nur, solange der Hersteller seinen Server betreibt. Stellt er den Dienst ein — oder wird er übernommen — verliert die Wallbox alle Fernfunktionen. Bei OCPP dagegen wählen Sie den Backend-Anbieter frei. Wechseln kostet einen Konfigurationsschritt, keine neue Hardware.
Für Installateure und Fuhrparkbetreiber ist das entscheidend: Ein Lademanagementsystem (LMS) kann nur dann mehrere Boxen verschiedener Hersteller gleichzeitig steuern, wenn alle dasselbe Protokoll sprechen. OCPP ist diese gemeinsame Sprache.
Die drei Kernprofile im Überblick
| Profil | OCPP-Version | Funktion |
|---|---|---|
| Core | 1.6 / 2.0.1 | Autorisierung, Transaktionen, Status-Meldungen |
| SmartCharging | 1.6 / 2.0.1 | Lastmanagement, Ladeplanung, Netzintegration |
| Security | 2.0.1 | TLS-Pflicht, Zertifikatsverwaltung, Plug & Charge |
Das SmartChargingProfile ist der entscheidende Baustein für dynamisches Lastmanagement: Das LMS sendet ein Ladeprofil (Maximalstrom in Ampere, Zeitfenster in Minuten), die Box hält diesen Wert ein. Damit lässt sich der Hausanschluss vor Überlastung schützen, ohne manuelle Eingriffe.
OCPP und dynamisches Lastmanagement — die Zahlen
Ein typischer Hausanschluss liefert 25 A oder 35 A pro Phase. Eine 11 kW-Wallbox zieht bei Vollast 16 A pro Phase. Läuft gleichzeitig ein Elektroherd mit 3,5 kW (ca. 15 A), droht Überlastung. Ein OCPP-fähiges LMS liest den Hausverbrauch per Energiezähler (S0-Impuls oder Modbus) und reduziert den Ladestrom der Wallbox in Echtzeit — typisch auf 6 A als Mindestwert (Pflicht nach IEC 61851).
Ohne OCPP ist diese Steuerung nicht herstellerübergreifend möglich. Wer heute eine proprietäre Box installiert und später eine zweite Box eines anderen Herstellers hinzufügt, steht vor zwei getrennten Systemen ohne gemeinsame Laststeuerung.
Was OCPP nicht garantiert
OCPP ist ein Kommunikationsprotokoll, kein Leistungsversprechen. Die tatsächliche Ladeleistung hängt vom fahrzeugseitigen Bordlader ab. Eine Wallbox mit 22 kW überträgt nur dann 22 kW, wenn das Fahrzeug einen dreiphasigen Bordlader mit mindestens 32 A akzeptiert. Die meisten aktuellen Elektrofahrzeuge laden AC-seitig mit 11 kW (16 A dreiphasig); nur wenige Modelle nutzen 22 kW.
OCPP steuert den Strom, den die Wallbox anbietet — nicht den, den das Fahrzeug tatsächlich zieht. Das LMS kann also nicht erzwingen, dass ein Fahrzeug mit 7,4 kW-Bordlader mit 11 kW lädt.
Prüfpunkte vor dem Kauf — Checkliste
- OCPP-Version prüfen: Steht im Datenblatt „OCPP 1.6J“ (JSON-Variante) oder „OCPP 2.0.1“? Beide sind akzeptabel; 1.6S (SOAP) ist veraltet.
- Backend-Freiheit prüfen: Kann die Box auf einen eigenen oder Drittanbieter-Server konfiguriert werden, oder ist sie fest an die Hersteller-Cloud gebunden?
- SmartCharging-Profil prüfen: Unterstützt die Box das Profil aktiv (nicht nur als Pflichtfeld im Datenblatt)? Fordern Sie eine Referenz-Installation an.
- Zertifizierung prüfen: OCPP-Profile werden von der OCA zertifiziert. Das Zertifikat ist öffentlich einsehbar unter ocpp.org.
- TLS-Pflicht ab OCPP 2.0.1: Kommunikation muss verschlüsselt sein. Bei 1.6 ist TLS optional, aber empfohlen.
- Mindest-Ladestrom: Box muss 6 A als Untergrenze einhalten können (IEC 61851).
OCPP im Kontext Netzintegration und §14a EnWG
Der deutsche Gesetzgeber verpflichtet Netzbetreiber seit Januar 2024 nach §14a EnWG, steuerbare Verbrauchseinrichtungen — darunter Wallboxen — bei Netzüberlastung temporär zu dimmen. Im Gegenzug erhalten Betreiber reduzierte Netzentgelte. Für diese Steuerung benötigt der Netzbetreiber Zugang zur Wallbox, entweder direkt oder über ein zertifiziertes LMS.
OCPP ist die technische Grundlage, auf der diese Steuerung aufgebaut wird. Wallboxen ohne OCPP können von Netzbetreibern nicht ferngesteuert werden und scheiden damit für die Netzentgeltreduzierung aus. Konkrete Anmeldeverfahren und rechtliche Pflichten sind in der Rechtsrubrik dieses Portals beschrieben.
Welche Wallbox-Klasse braucht OCPP wirklich
Für eine einzelne Wallbox im Einfamilienhaus ohne Lademanagementsystem ist OCPP technisch nicht zwingend — die Box lädt auch ohne Backend. Aber: Wer später ein LMS nachrüsten, Ladedaten aufzeichnen oder an einem Netzentgeltprogramm teilnehmen will, muss OCPP von Anfang an eingeplant haben. Eine Nachrüstung ist bei den meisten Boxen nicht möglich.
Kaufen Sie deshalb auch für den Einfamilienhausbereich ausschließlich Boxen mit OCPP 1.6J oder 2.0.1 — der Preisunterschied zu proprietären Modellen liegt bei 30 bis 80 €, die Zukunftssicherheit ist nicht bezifferbar.