Die CO2-Bilanz des Heimladens

Ratgeber 6 Min. Lesezeit 10.09.2026
Wer zu Hause lädt, will wissen, wie viel CO₂ pro Kilowattstunde anfällt — und ob Heimladen besser oder schlechter ist als eine öffentliche Schnellladesäule. Die Antwort hängt fast vollständig vom Strommix ab, nicht von der Wallbox selbst.
Das Wichtigste in Kürze

Die Kernzahl: CO₂ pro Kilowattstunde beim Heimladen

Der deutsche Strommix hatte 2023 einen Emissionsfaktor von rund 380 g CO₂-Äquivalent pro kWh (Quelle: Umweltbundesamt, Vorläufiger Wert für Strom-Emissionsfaktor). Laden Sie ein Elektroauto mit einem Verbrauch von 20 kWh/100 km über das heimische Netz, entstehen dabei rund 76 g CO₂/km. Ein Benziner der Kompaktklasse liegt typischerweise bei 120–160 g CO₂/km (WLTP-Zyklus). Der Vorteil des Stromers gilt also auch mit heutigem Netz-Mix — schrumpft aber auf ein Drittel der möglichen Einsparung, wenn Sie ausschließlich Ökostrom nutzen.

Wichtig: Diese 76 g beziehen sich auf den Grenzemissionsfaktor des Strommix-Jahres­mittelwerts. Wer nachts lädt, trifft je nach Tageszeit auf einen anderen Mix. Zwischen 2 und 5 Uhr dominieren in Deutschland Kern-, Wind- und Laufwasserkraft — der Momentanwert kann deutlich unter 200 g/kWh fallen. Tagsüber, wenn Photovoltaik einspeist, liegt er ebenfalls niedrig.

Technische Herleitung: Von der Wallbox zur Strecke

Die Rechenkette hat vier Glieder:

  1. Netzstrom-Emissionsfaktor (g CO₂/kWh) — variiert je nach Jahreszeit, Tageszeit und Tarifmodell.
  2. Ladeverluste — eine Wallbox mit 11 kW überträgt im AC-Betrieb typischerweise mit einem Wirkungsgrad von 92–96 %. Das bedeutet: Für 10 kWh netto im Fahrzeug-Akku fließen rund 10,4–10,9 kWh aus dem Netz.
  3. Bordlader-Verluste — das Fahrzeug wandelt Wechselstrom (AC) intern in Gleichstrom (DC) um. Der fahrzeugseitige Bordlader hat einen Wirkungsgrad von 88–95 %, je nach Fahrzeugmodell. Dieser Wert steht im Fahrzeughandbuch oder lässt sich über OBD-Auslesegeräte messen. Die Wallbox selbst hat auf diesen Wert keinen Einfluss.
  4. Fahrzeugverbrauch (kWh/100 km, Bordcomputer-Wert oder WLTP) — bildet die Basis für den CO₂-pro-km-Wert.

Beispielrechnung für ein Mittelklasse-Elektroauto:

ParameterWert
Netz-Emissionsfaktor (Jahresmittel 2023)380 g CO₂/kWh
Ladeverluste Wallbox (Wirkungsgrad 94 %)+ 6,4 %
Bordlader-Verluste (Wirkungsgrad 92 %)+ 8,7 %
Effektiver Verbrauch aus dem Netzca. 23,3 kWh/100 km
CO₂-Emissionca. 88 g CO₂/km

Mit Ökostromtarif (Emissionsfaktor 20–50 g CO₂/kWh, Anbieter-Zertifikat vorausgesetzt) sinkt dieser Wert auf 5–12 g CO₂/km.

Prüfpunkte, die Sie selbst abarbeiten können

Gehen Sie diese vier Punkte der Reihe nach durch, bevor Sie eine eigene CO₂-Bilanz aufstellen:

  • Stromtarif prüfen: Enthält Ihr Tarif ein Herkunftsnachweiszertifikat (HKNR) für Erneuerbare? Dann gilt ein niedrigerer Emissionsfaktor. Fragen Sie beim Anbieter nach dem spezifischen Emissionsfaktor in g CO₂/kWh für Ihren Tarif — seriöse Anbieter nennen diesen Wert schriftlich.
  • Bordlader-Leistung und -Wirkungsgrad: Schauen Sie ins Fahrzeughandbuch. Der maximale AC-Ladestrom (z. B. 7,4 kW oder 11 kW einphasig/dreiphasig) bestimmt die Ladeleistung. Der Bordlader-Wirkungsgrad beeinflusst direkt die Nettomenge im Akku — und damit die CO₂-Bilanz pro gefahrenem Kilometer.
  • Ladezeit und Tageszeit: Nutzen Sie steuerbare Ladetarife (§ 14a EnWG) mit Nachtladen, können Sie Stunden mit hohem Erneuerbaren-Anteil bevorzugen. Smarte Wallboxen bieten dafür Zeitplan-Funktionen.
  • Eigenverbrauch Photovoltaik: Laden Sie direkt aus einer eigenen PV-Anlage, sinkt der Emissionsfaktor auf 20–60 g CO₂/kWh (Lebenszyklusanalyse der Anlage). Reine Stromerzeugung hat keine Verbrennungsemissionen.

Was die CO₂-Angabe nicht aussagt

Der Emissionswert beim Laden deckt nur den Betrieb ab. Er enthält nicht:

  • Herstellungsemissionen des Fahrzeugs — insbesondere die Akkuproduktion schlägt mit 60–100 kg CO₂ pro kWh Akkukapazität zu Buche (Schätzwert, stark abhängig vom Produktionsstandort und Strommix der Fabrik).
  • Herstellungsemissionen der Wallbox — gering, bei einem Gerät mit 20-Jahres-Lebensdauer vernachlässigbar im Vergleich zum Fahrzeugleben.
  • Netzausbau-Emissionen — Leitungen, Umspannwerke und Smart-Meter tragen einen kleinen, aber realen Anteil.
  • Kühlenergie im Sommer — Hochleistungs-Schnelllader (DC, 50–350 kW) benötigen aktive Kühlung. Bei einer heimischen AC-Wallbox mit 11 kW ist dieser Effekt vernachlässigbar.

Eine vollständige Ökobilanz (Lebenszyklusanalyse, LCA) über 200.000 km zeigt, dass ein Elektroauto im deutschen Strommix ab etwa 50.000–80.000 km gefahrener Strecke den CO₂-Rucksack der Akkuproduktion kompensiert hat — danach läuft es emissionsärmer als ein Verbrenner.

Heimladen vs. öffentliche Schnellladesäule: CO₂-Vergleich

An öffentlichen DC-Schnellladesäulen (50–350 kW) entfällt der fahrzeugseitige Bordlader — der Wechselrichter sitzt in der Säule. Das verbessert den Wirkungsgrad auf Säulenseite, erhöht aber den Eigenverbrauch der Säule (Kühlung, Standby). Netto ist der Unterschied im CO₂/km-Wert gering, wenn derselbe Strommix zugrunde liegt. Entscheidend bleibt der Emissionsfaktor des Tarifs, nicht die Ladearchitektur.

Heimladen bietet jedoch einen strukturellen Vorteil: Sie können den Tarif selbst wählen und ggf. Ökostrom oder PV-Eigenverbrauch einsetzen. An öffentlichen Säulen haben Sie keinen Einfluss auf die Strombeschaffung des Betreibers.

Handlungsempfehlung: So optimieren Sie Ihre CO₂-Bilanz konkret

Wenn Sie die Emissionen des Heimladens senken wollen, ist die Reihenfolge der Maßnahmen nach Wirkung sortiert:

  1. Wechsel auf zertifizierten Ökostromtarif mit HKNR-Nachweis — senkt den Emissionsfaktor von 380 auf unter 50 g CO₂/kWh.
  2. PV-Eigenverbrauch aktivieren — wenn eine Anlage vorhanden ist, Wallbox mit PV-Überschussladung konfigurieren.
  3. Ladezeit in erneuerbare Stunden legen — Zeitplan in der Wallbox oder im Fahrzeug setzen (z. B. 1–5 Uhr oder Mittagszeit bei PV-Hochlast im Netz).
  4. Bordlader-Effizienz beachten — beim Fahrzeugkauf den Wirkungsgrad des AC-Bordladers vergleichen; Hersteller veröffentlichen diesen Wert nicht immer transparent, er lässt sich aber aus Ladetests ableiten.

Fragen zur Anmeldung der Wallbox beim Netzbetreiber und zu steuerlichen Aspekten des Eigenverbrauchs beantwortet die Rechtsrubrik dieses Portals.

Häufige Fragen

Mit dem deutschen Strommix 2023 (ca. 380 g CO₂/kWh) emittiert ein Elektroauto im Mittel rund 80–90 g CO₂/km, ein vergleichbarer Benziner 130–160 g CO₂/km. Das entspricht einer Einsparung von 40–50 %. Mit Ökostromtarif steigt die Einsparung auf über 90 %.

Die Ladeleistung der Wallbox allein nicht — entscheidend ist der Emissionsfaktor des Stroms. Allerdings begrenzt der fahrzeugseitige Bordlader die tatsächlich nutzbare Ladeleistung: Unterstützt das Fahrzeug nur 11 kW AC, bringt eine 22-kW-Wallbox keinen Vorteil. Auf den Wirkungsgrad und damit die CO₂-Bilanz hat die Wallboxleistung keinen messbaren Einfluss.

Nicht vollständig: Die Herstellung von Solarmodulen und Wechselrichter erzeugt Emissionen — über die Lebensdauer gerechnet ergibt das 20–60 g CO₂/kWh (LCA-Wert). Verbrennungsemissionen entstehen aber keine. Verglichen mit dem Netz-Mix ist PV-Eigenverbrauch um den Faktor 6–19 emissionsärmer.

Ja. Nachts zwischen 2 und 5 Uhr speist in Deutschland überwiegend Wind- und Laufwasserkraft ein, der Momentan-Emissionsfaktor liegt oft unter 200 g CO₂/kWh. Smarte Wallboxen mit Zeitplan oder dynamischem Tarif ermöglichen gezieltes Laden in diesen Stunden.

Nein — der Emissionsfaktor beim Laden bezieht sich ausschließlich auf den Strombezug im Betrieb. Die Akkuproduktion wird in der Lebenszyklusanalyse (LCA) des Fahrzeugs erfasst und liegt bei rund 60–100 kg CO₂ pro kWh Akkukapazität. Diese Vorausinvestition amortisiert sich im deutschen Strommix nach etwa 50.000–80.000 gefahrenen Kilometern.