Das Wichtigste in Kürze
Schritt 1: Netzanschluss und Hausinstallation prüfen
Der Netzanschluss entscheidet, welche Ladeleistung überhaupt möglich ist. Die meisten Einfamilienhäuser verfügen über einen Hausanschluss mit 3 × 35 A Vorsicherung — das entspricht einer Anschlussleistung von rund 24 kW. Davon ist jedoch die Grundlast des Hauses abzuziehen (Herd, Wärmepumpe, Durchlauferhitzer). Als Faustregel: Ohne separaten Lastmanagement-Anschluss sind 11 kW für eine Wallbox der sichere Bereich.
Prüfen Sie außerdem, ob die Zuleitung vom Zählerschrank zur geplanten Wallbox-Position realisierbar ist. Eine Kupferleitung NYM-J 5×6 mm² ist für bis zu 11 kW ausreichend, für 22 kW benötigen Sie mindestens 5×10 mm². Leitungslängen über 20 m erhöhen den Spannungsabfall — das muss der Elektriker berechnen.
- Hausanschluss-Leistung beim Netzbetreiber erfragen (steht auf dem Zählerschrank oder in den Netzanschluss-Unterlagen)
- Zählerschrank: Hat er noch freie Plätze für einen LS-Automaten (mind. 1 TE frei)?
- FI-Schutzschalter Typ B oder A mit 6 mA DC-Fehlerstrom-Erkennung erforderlich
- Kabelweg vom Verteiler zur Stellfläche klären — Leerrohr vorhanden?
Schritt 2: Ladeleistung am Fahrzeug abklären
Eine Wallbox mit 22 kW nützt wenig, wenn das Fahrzeug nur 11 kW oder 7,2 kW laden kann. Die maximale AC-Ladeleistung ist nicht durch die Wallbox, sondern durch den fahrzeugseitigen Bordlader begrenzt. Dieser Wert steht im Fahrzeug-Datenblatt unter „Max. AC-Ladeleistung“ oder „On-Board-Charger“.
Typische Werte nach Fahrzeugklasse:
| Fahrzeugtyp | Typischer Bordlader | Empfohlene Wallbox-Leistung |
|---|---|---|
| Kompakt-BEV (z. B. VW ID.3 Basis) | 7,2 kW einphasig | 7,4 kW oder 11 kW |
| Mittelklasse-BEV | 11 kW dreiphasig | 11 kW |
| Premium-BEV / neuere Modelle | 22 kW dreiphasig | 22 kW |
| PHEV | 3,6–7,4 kW | 7,4 kW reicht vollständig |
Eine 22 kW-Wallbox für ein Fahrzeug mit 11 kW-Bordlader bedeutet: Sie zahlen mehr, laden aber nicht schneller. Die Investition in 22 kW macht nur Sinn, wenn das nächste Fahrzeug diesen Wert nutzen kann oder ein Zweitfahrzeug mit 22 kW geplant ist.
Schritt 3: Anmeldepflicht und Netzanforderungen klären
In Deutschland sind Wallboxen bis 11 kW beim Netzbetreiber anmeldepflichtig — aber nicht genehmigungspflichtig (§ 19 NAV). Der Netzbetreiber hat 2 Monate Zeit, Einwände zu erheben. Wallboxen über 11 kW benötigen eine ausdrückliche Genehmigung. Dieser Unterschied ist relevant für Ihre Kaufentscheidung, wenn das Netz in Ihrem Gebiet ausgelastet ist.
Für alle rechtlichen Detailfragen zur Anmeldepflicht, Netzverträglichkeitsprüfung und zu Vorschriften für Mehrfamilienhäuser verweisen wir auf unsere Rechtsrubrik, da diese Regelungen regional und situationsabhängig variieren.
- Netzbetreiber identifizieren (Marktstammdatenregister oder Strom-Rechnung)
- Anmeldeformular herunterladen und Voranfrage stellen — vor der Installation
- Bei Mietwohnungen: Zustimmung des Eigentümers nach WEMoG einholen
- Bei Eigentümergemeinschaften (WEG): Beschluss der Gemeinschaft erforderlich
Schritt 4: Steuerungsanforderungen festlegen
Wallboxen unterscheiden sich erheblich darin, wie sie gesteuert werden können. Klären Sie vor dem Kauf, welche Funktionen Sie tatsächlich benötigen:
- Lastmanagement: Wenn mehrere Großverbraucher gleichzeitig laufen (Wärmepumpe, Herd), reduziert dynamisches Lastmanagement die Wallbox-Leistung automatisch. Voraussetzung: Stromzähler mit Schnittstelle oder separater Energiezähler.
- OCPP: Das Protokoll „Open Charge Point Protocol“ ermöglicht die Anbindung an externe Backends — relevant für gewerbliche Nutzung oder Abrechnungspflicht.
- PV-Überschussladen: Wenn eine Photovoltaikanlage vorhanden ist, kann die Wallbox überschüssigen Strom direkt ins Auto leiten. Dafür muss die Wallbox entweder Modbus-TCP/IP, SunSpec oder eine herstellereigene Schnittstelle unterstützen.
- App-Steuerung und Timer: Sinnvoll bei variablen Stromtarifen (z. B. Tibber, Awattar) — Laden in günstigen Tarifstunden.
Schritt 5: Montageort und Schutzklasse prüfen
Die Wallbox muss zur Umgebung passen. Entscheidend ist die IP-Schutzklasse (Ingress Protection): IP44 reicht für überdachte Carports, IP55 empfiehlt sich für ungeschützte Außenwände mit direktem Regenfall. In der Tiefgarage sind je nach Belüftung auch niedrigere IP-Klassen zulässig.
Für Garagen ohne Heizung gilt: Die Betriebstemperatur der Wallbox muss zum Standort passen. Die meisten Geräte sind für −25 °C bis +50 °C spezifiziert — prüfen Sie das im Datenblatt, wenn Ihr Garagenanbau im Winter stark auskühlt. Wandmontage ist Standard; Standpfahl-Montage kostet je nach Fabrikat 150–400 € Aufpreis für Pfahl und Montage.
Schritt 6: Was Leistungsangaben nicht aussagen
Hersteller werben mit „22 kW“ als Maximalwert. Diese Zahl sagt nichts über die tatsächliche Ladedauer aus — die hängt von Bordlader, Batteriegröße und Batteriezustand ab. Ein Fahrzeug mit 77 kWh Netto-Kapazität und 11 kW Bordlader braucht rechnerisch rund 7 Stunden für eine Vollladung (von 10 % auf 100 %), unabhängig davon, ob die Wallbox 11 oder 22 kW leistet.
Ebenfalls nicht aussagekräftig sind reine Zertifizierungshinweise wie „OCPP-kompatibel“ ohne Versionsangabe. OCPP 1.6 und OCPP 2.0.1 sind nicht vollständig abwärtskompatibel. Wenn Sie eine Backend-Anbindung planen, erfragen Sie die exakte OCPP-Version beim Hersteller.
Entscheidungshilfe: Welche Wallbox passt in welche Situation?
Anhand der abgearbeiteten Checkliste lässt sich die Kaufentscheidung auf wenige Typen eingrenzen:
- Einfamilienhaus, ein BEV, kein PV: 11 kW, App-Steuerung für Tarifoptimierung, IP44 reicht bei Carport.
- Einfamilienhaus, PV vorhanden: 11 kW mit PV-Überschuss-Funktion (Modbus oder SunSpec), dynamisches Lastmanagement prüfen.
- Mehrfamilienhaus oder WEG: OCPP-fähige Wallbox mit Abrechnungsfunktion, Rücksprache mit Elektriker und Hausverwaltung vor Kauf.
- PHEV oder nur gelegentliches Laden: 7,4 kW-Wallbox oder verstärkte Schuko-Lösung (16 A Industrial-Stecker nach IEC 60309) als Übergangslösung.